Sie sind Citypfarrer in Esslingen, aber daneben machen Sie auch Kirchenkabarett. Wie sind Sie dazugekommen? Wo treten Sie auf?
Seit Jahren trete ich auf der Kleinkunstbühne auf. Begonnen hat alles mit einem Anruf. Ich wurde gefragt, ob ich bei der Revuetheatergruppe „Die Achtlosen“ mitmachen wolle. Daraufhin habe ich eine Probe der Gruppe besucht und mitgemacht.
Zum verkaufsoffenen Sonntag 2001 begann die Geschichte der Kirchenkabarettgruppe „Die Vorletzten“ in St. Michael in Schwäbisch Hall. Søren Schwesig und ich wurden vom dortigen Bezirkskantor Kurt Enßle eingeladen, die „Stunde der Kirchenmusik" mit einem Kirchenkabarett zu gestalten. Der Erfolg war überwältigend, denn fast 500 Menschen waren gekommen.
Mittlerweile treten wir in Kirchengemeinden, meist bei Mitarbeiterabenden auf. Wir waren beim Kirchentag in Köln und jetzt auch in Bremen. In evangelischen Gemeindehäusern aufzutreten, ist meist lichttechnisch schwierig. Bei einem unserer Auftritte begrüßte uns ein Pfarrer mit seiner Wohnzimmerleselampe in der Hand. Die Lampe hatte er als Bühnenlicht vorgesehen.
Was sind Ihre Themen?
Viele „Nummern“ der vergangenen Jahre haben wir dem Alltag in der Kirche abgelauscht. Es handelt sich also um Realsatire. Immer wieder droht die Kirche zum Verein zu verkommen. Kleinglaube, Geiz und Borniertheit nisten sich in den Köpfen ein. Das kann manchmal fast unerträglich werden. Andere gehen zum Therapeuten, wir machen eben Kirchenkabarett. So verarbeiten wie die Konflikte und Niederungen unseres Alltags.
Zum Kirchentag 2009 haben wir ein 90 Minuten-Programm zum Kirchentagsmotto gemacht. Unser Programm hat die sieben Todsünden zum Inhalt und heißt: „Mensch menschelt des“.
Kurt Tucholsky hat einmal gesagt: „Ich habe nie geglaubt, dass so viel Arbeit dahinter steckt, um zu erreichen, dass Leute lachen, ohne dass ich mich hinterher schämen muss.“ Genau so verstehe ich unsere Aufgabe. Wir wollen unser Publikum nicht verändern. Wir wollen Menschen über sich selbst zum Lachen bringen. Wenn das gelingt, ist das viel.
Treffen Sie unter Ihren Zuhörer/innen auch genug Humor an?
Anfänglich dachte ich, dass es in der Kirche humorloser als anderswo zugeht. Nach unserem ersten Auftritt bekamen wir auch einen sehr strengen Brief eines Ruhestandsdekans. Nachdem ich mittlerweile auch schon anderswo aufgetreten bin, sehe ich die Menschen in der Kirche milder. Daimler-Mitarbeiter lachen nur mühevoll über ihr eigenes Unternehmen.
Ich meine, dass Glaube und Humor Geschwister sind. Humor stellt in Frage. Humor schützt einen davor, sich selbst allzu wichtig zu nehmen. Und Humor weiß um die Vorläufigkeit all unseres Planens und Tuns.
Wirkt die Kirche mit ihren existientiellen Themen für viele zu humorlos und zu ernst?
Bewusst haben wir uns als Kirchenkabarettgruppe „Die Vorletzten“ genannt. Wir nehmen damit Bezug auf den Theologen Dietrich Bonhoeffer, der zwischen den letzten und den vorletzten Dingen unterschieden hat. Vergebung, Tod und Sterben brauchen keinen Spaßfaktor. Auch der Satz „Ich liebe dich“ kann ohne Schaden ernst gesagt sein. Ich wünsche mir eine Kirche, in der das Lachen und das Weinen, Lernen und Zuhören, Heiterkeit, Stille und Gebet ihren Ort haben.
Peter Schaal-Ahlers
