Søren Schwesig im Gespräch mit der Kornwestheimer Zeitung

© Ludmilla Parsyak

Waldner: Herr Schwesig, seit dem Jahr 2001 treten Sie zusammen mit Ihrem Kollegen Peter Schaal-Ahlers als Kabarettist auf. Wie ist es dazu gekommen?

Schwesig: Wir waren damals beide Pfarrer in Schwäbisch Hall. Es gab wie andernorts auch Diskussionen um den Verkaufsoffenen Sonntag. Wir hatten die Idee, dass Kirche zu diesem Thema einmal anders rüberkommen sollte und haben es kabarettistisch aufgearbeitet. Wir hatten nicht mit einer großen Resonanz gerechnet, aber die Kirche war voll wie zu Weihnachten. Und da haben wir uns entschlossen weiterzumachen – erst zirkelweise um Schwäbisch Hall herum, dann hat’s immer weitere Kreise gezogen.
In den vergangenen Wochen sind wir in Saarlouis und in Freiburg aufgetreten – und in Ravensburg bei einer Veranstaltung, zu der Landtagspräsidentin Muhterem Aras eingeladen hatte.

Waldner: Hatten Sie seinerzeit schon Bühnenerfahrung?

Schwesig: Nur als langhaariger Bassist einer Rockband. Aber Peter Schaal-Ahlers gehörte einer Revuetheatergruppe an. Ich bin so langsam hineingewachsen.

Waldner: Sie waren, als Sie als Kabarettist begonnen haben, Pfarrer in einer eher kleinen Stadt, sind jetzt Stadtdekan in Stuttgart. Hat das für Sie etwas verändert?

Schwesig: Nein, weil mir die Rollenklarheit wichtig ist und weil ich beide Bereiche sehr, sehr trenne. Auf der einen Seite bin ich Pfarrer und auf der anderen Seite spiele ich auf der Bühne eine Rolle, was ich aber auch sehr genieße.

Waldner: Um welche Themen geht’s bei den „Vorletzten“?

Schwesig: Nicht nur um kirchliche. Wir haben bewusst die "Kirche" aus unserem Titel gestrichen, weil wir kein rein binnenkirchliches Kabarett machen. Wir haben ein breites, buntes Spektrum an Themen. Es geht um Scheinheiligkeiten und Machtfragen. Wir stellen zu Beginn unseres Programms zum Beispiel vier grundverschiedene, menschliche Typen dar. Aber natürlich greifen wir auch in unserem neuen Programm "Zwei in einer großen Stadt" immer wieder kirchliche Themen auf – zum Beispiel das Thema Homosexualität anhand von zwei schwulen Störchen, die es sich auf einem Kirchturmdach heimisch machen. Ich spiele den württembergischen Pfarrer einer sehr pietistischen Gemeinde, der sich wegen dieses Problems durch die Kirchenhierarchie telefoniert.

Waldner: Also mussten Sie das derzeit aktuelle Thema der Segnung von homosexuellen Paaren gar nicht mehr in Ihr Programm einarbeiten?

Schwesig: Ich bin ein starker Verfechter der Segnung von gleichgeschlechtlichen Paaren. Aber augenzwinkernd kann ich sagen: Für unser Programm war’s eigentlich nicht schlecht, dass die Landessynode die Segnung abgelehnt hat. So können wir das Thema im Programm belassen.

Waldner: Wie lange braucht’s, bis ein neues Programm steht? Und arbeiten Sie bei der Einstudierung mit Profis zusammen?

Schwesig: Das Grundgerüst schreibt Peter Schaal-Ahlers, ich bemängele bei der ersten Durchsicht nur, dass es nicht lustig ist. Nach etwa vier Monaten steht dann das Programm. Wir haben einmal mit einer Schauspielerin zusammengearbeitet, haben uns aber in dem, was sie uns an Anregungen gegeben hat, nicht wiedergefunden. Es ist bei uns viel Learning by doing - es sind Erfahrung und Selbstreflexion. Ich habe in den vergangenen Jahren viel an Selbstsicherheit gewonnen. Dank der Bühnenerfahrung gibt’s für mich nur noch wenige Situationen, die mich aus der Ruhe bringen. Die Auftritte in schlecht gelüfteten Gemeindesälen, die mitunter ihren ganz eigenen Charme und häufig eine schlechte Akustik haben, die sind schon eine gute Schule.

Waldner: Der Erlös der Veranstaltung ist für den Umbau der Johanneskirche bestimmt, der in Kornwestheim teils sehr erbittert diskutiert worden ist. Und die Entscheidung hat bei manchem zu großer Verbitterung geführt. Kann Humor bei solchen Auseinandersetzungen helfen, die emotionsreich geführt werden?

Schwesig: Ich denke ja. Es gehen Impulse davon aus, wenn wir uns vor Augen führen, mit welcher Absurdität manche Diskussion geführt wird. Ich glaube allerdings nicht, dass Kabarett gesellschaftliche Veränderungen bewirken kann. Am Schluss ist Kabarett gute Unterhaltung und die ist schwierig genug. Leute zum Lachen bringen zu wollen, das ist ein hoher Anspruch.

Waldner:
Herr Schwesig, die evangelische Kirche baut deutschlandweit Stellen ab. Bauen Sie sich gerade mit dem Kabarett ein neues Standbein auf?

Schwesig: Nein, auf keinen Fall. Ich würde Kabarett nie hauptberuflich machen. Dazu liebe ich meinen Beruf als Pfarrer viel zu sehr. Wir leisten jetzt mit rund 25 Auftritten im Jahr schon ein hohes Pensum. Mehr wäre mir zu viel. Aber ich sage immer, dass mir das Kabarett einen Therapeuten vom Leib hält.

Waldner: Eine plumpe Bitte zum Schluss: Was ist eigentlich Ihr Lieblingspfarrerwitz?

Schwesig: Sagt ein katholischer Pfarrer zu seinem Kollegen: „Meinst du, wir erleben noch die Abschaffung des Zölibats?“ Darauf der andere: „Wir nicht, aber unsere Kinder.“

Das Interview führte Werner Waldner für die Kornwestheimer Zeitung (22. Februar 2018).

Peter Schaal-Ahlers im Gespräch mit der Esslinger Zeitung

© Dorothee Krämer

Maier: Als Pfarrer hat man seine Auftritte eigentlich auf der Kirchenkanzel. Wie kommt es, dass Sie zusammen mit Søren Schwesig ein Kabarett-Duo gegründet haben?

Schaal-Ahlers: Angefangen hat alles im Jahr 2001. Søren Schwesig war damals Pfarrer in Schwäbisch Hall, ich war in Mainhardt. Aus Anlass eines verkaufsoffenen Sonntags wurden wir vom dortigen Bezirkskantor eingeladen, einen Abend in St. Michael in Schwäbisch Hall zu gestalten. Er fand, dass man solch einen Anlass nicht moralinsauer kommentieren sollte, sondern mit einem kabarettistischen Augenzwinkern. Der Erfolg hat uns überwältigt – mehr als 500 Menschen kamen. Daraus ist unser Kirchenkabarett "Die Vorletzten" entstanden.
Wir treten inzwischen jedes Jahr etwa 20 Mal auf – zum Beispiel in Kirchengemeinden, meist bei Mitarbeiterabenden, aber auch in der Dortmunder Oper waren wir schon. Und wir waren bei den Kirchentagen in Köln, Bremen, Dresden und jetzt auch in Stuttgart zu gast. Anfangs waren wir bei Kirchentagen noch eher ein bisschen im Hintergrund – zuletzt sind wir jedoch vor 750 Leuten im Cannstatter Kursaal aufgetreten.

Maier: Auch wenn Sie es gewohnt sind, als Pfarrer vor einer großen Gemeinde zu sprechen, ist es eine ganz andere Herausforderung, auf der Bühne Kabarett zu machen. Haben Sie das Showtalent im Blut?

Schaal-Ahlers: Ich trete seit Jahren auf der Kleinkunstbühne auf. Begonnen hat es damit, dass man mich gefragt hat, ob ich bei der Revuetheatergruppe "Die Achtlosen" mitmachen wolle. Ich habe mir eine Probe angeschaut und hatte so viel Spaß daran, dass ich von da an mitgemacht habe.

Maier: Was haben Pfarrer und Kabarettisten gemeinsam?

Schaal-Ahlers: Beide deuten die Wirklichkeit, wenn auch auf ganz verschiedene Weise. Einen entscheidenden Unterschied gibt es jedoch: Als Kabarettist spielst du auf der Bühne eine Rolle, als Pfarrer musst du ganz und gar authentisch sein. Und natürlich gibt es für uns als Kabarettisten auch Grenzen. Das zeigt sich schon im Namen unseres Duos: „Die Vorletzten“. Dietrich Bonhoeffer hat zwischen den letzten und den vorletzten Dingen unterschieden. Uns ist sehr wohl bewusst, dass unser Platz bei den vorletzten Dingen ist. Themen wie Vergebung, Tod und Sterben brauchen keinen Spaßfaktor.

Maier: Und was sind Ihre Themen?

Schaal-Ahlers: Vieles ist dem Alltag in der Kirche abgelauscht – es ist also Realsatire. Im Grunde ist manches ja nur auszuhalten, wenn man mit Humor rangeht. Kleinglaube, Geiz und Borniertheit können bisweilen schwer erträglich werden. Andere gehen zum Therapeuten, wir machen eben Kirchenkabarett. So verarbeiten wie die Konflikte und Niederungen unseres Alltags. Bei uns darf es gerne auch mal so richtig menscheln.

Maier: Manche haben das Gefühl, dass Humor und Selbstironie nicht die großen Stärken der Kirche sind. Was würden Sie darauf antworten?

Schaal-Ahlers: Ich finde, dass Glaube und Humor Geschwister sind. Humor stellt infrage. Humor schützt einen davor, sich selbst allzu wichtig zu nehmen. Und Humor weiß um die Vorläufigkeit all unseres Planens und Tuns. Gerade den Evangelischen sagt mancher gerne nach, sie seien ein bisschen humorlos. Nachdem ich mittlerweile vor ganz unterschiedlichem Publikum aufgetreten bin, sehe ich die Menschen in der Kirche milder. Ich bin mal bei Daimler gewesen und habe auch ein paar Späße über das Unternehmen gemacht. Hinterher war mir klar: Wir in der Kirche sind ja unglaublich humorvoll. Ein bisschen Distanz zum eigenen Laden tut manchmal auch ganz gut. Papst Johannes XXIII. hat mal gesagt: „Giovanni, nimm Dich nicht so wichtig.“ Das klingt bei einem Papst natürlich wesentlich witziger als bei einem Esslinger Citypfarrer. Aber auch ich kann mir schon mit der nötigen Selbstironie begegnen. Ich wünsche mir eine Kirche, in der das Lachen und das Weinen, das Lernen und das Zuhören, die Heiterkeit, die Stille und das Gebet ihren Ort haben. Umgekehrt ist Kabarett ohne Glauben in der Gefahr, zynisch zu werden.

Maier: Muss der Kirchenkabarettist weniger Rücksicht nehmen als der Citypfarrer?

Schaal-Ahlers: Wir sind bestimmt nicht harmlos, aber es ist auch nicht so, dass wir in unseren Nummern andere verletzen wollen. Anderswo in der Republik ist Kirchenkabarett viel verbreiteter – zum Beispiel im Rheinland. Als wir mit Kollegen von dort ins Gespräch gekommen sind, meinten die, dass wir den feinen Degen führen, während sie eher mit dem Schwert agieren.

Maier: Wie kommt es beim Publikum an, wenn Sie Kirchliches selbstironisch kommentieren?

Schaal-Ahlers: Wir haben zum Beispiel ein Stück über einen Pfarrer, der auf seinem Kirchendach zwei homosexuelle Störche nisten hat. Homosexualität ist für manche ein heikles Thema – gerade in der Kirche. Wir machen die Erfahrung, dass man viel entspannter damit umgeht, wenn wir das als Kabarettisten auf der Bühne thematisieren. Wir sprechen die Dinge offen an, nehmen auch mal kein Blatt vor den Mund, wo es angebracht ist. Die Reaktionen sind fast durchweg positiv. Nur ganz am Anfang bekamen wir mal einen sehr strengen Brief von einem Ruhestandsdekan. Inzwischen haben wir schon mehrfach vor dem Bischof gespielt, der über uns herzhaft lachen konnte.

Das Interview führte Alexander Maier für die Esslinger Zeitung (18. November 2015).